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Attachment Parenting
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Unter Attachment Parenting (kurz oft AP; englisch fĂŒr âBindungserziehungâ; deutsch auch: bindungsorientierte Erziehung und bedĂŒrfnisorientierte Erziehung) versteht man eine in den 1980er Jahren in den Vereinigten Staaten entstandene Erziehungslehre, deren Methoden nach Auffassung ihrer Vertreter die Mutter-Kind-Bindung fördern. Zu diesem Zwecke wird die Mutter dazu angehalten, möglichst viel Zeit in enger körperlicher NĂ€he mit dem Kind zu verbringen und sich dem Kind gegenĂŒber maximal responsiv zu verhalten (= auf sĂ€mtliche Signale des SĂ€uglings zu reagieren).cite-ref-1[1] Der Begriff âAttachment Parentingâ stammt von dem amerikanischen Kinderarzt William Sears, der bis heute auch der bedeutendste Vertreter der Lehre ist.
Es gibt eine Kontroverse ĂŒber die Machbarkeit, den Nutzen und die theoretischen Grundlagen von Attachment Parenting.
Contents
âą Geschichte
âą Kontext
âą Methoden
âą Babyreading
âą Die 7 Baby-Bs
âą Anspruch
âą Kontroverse
âą Literatur
âą Weblinks
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Geschichte
Kontext
Das Attachment Parenting ist nur eine von vielen Erziehungsideen mit Orientierung an Rapport und NestwĂ€rme, die in den USA nach dem Zweiten Weltkrieg im pĂ€dagogischen Mainstream angekommen sind, und verdankt verwandten Ă€lteren Lehren manche Anregungen, darunter etwa Benjamin Spocks 1946 publiziertem Erziehungsratgeber SĂ€uglings- und Kinderpflege. Spock hatte MĂŒttern empfohlen, SĂ€uglinge nach MaĂgabe eigener Intuition und mit viel Körperkontakt aufzuziehen â ein Rat, der den bis dahin herrschenden Lehren von L. Emmett Holt und John B. Watson radikal widersprach; das Buch wurde zum Bestseller und Spocks pĂ€dagogische Auffassungen hatten in den USA auf die Erziehung der Nachkriegsgenerationen groĂen Einfluss.
DreiĂig Jahre spĂ€ter erregte Jean Liedloff mit einem Kontinuum-Konzept Aufsehen, das sie der Ăffentlichkeit in ihrem Buch Auf der Suche nach dem verlorenen GlĂŒck (1975) vorstellte. Liedloff hatte in Venezuela die Yeâkuana-Indianer studiert und empfahl westlichen MĂŒttern, SĂ€uglinge zu stillen, zu tragen und im gemeinsamen Bett schlafen zu lassen. Als BegrĂŒndung gab sie an, die ĂŒbliche Erziehung mit FlaschenfĂŒtterung, Kinderwagen usw. trage den â evolutionsgeschichtlich noch nicht in der Moderne angekommenen â BedĂŒrfnissen von Kindern nicht Rechnung.cite-ref-2[2] Weitere BeitrĂ€ge zur EthnopĂ€diatrie lieferten spĂ€ter unter anderem Sharon Heller und Meredith F. Small.cite-ref-3[3]
1984 publizierte die Entwicklungspsychologin Aletha Solter ihr Buch The Aware Baby ĂŒber eine Erziehungsphilosophie, die Ă€hnlich wie spĂ€ter Sears auf Bindung, Langzeitstillen und Verzicht auf Strafe setzt; ein besonderer Schwerpunkt liegt bei Solter aber auf der Förderung des emotionalen Ausdrucks zur Heilung von Stress und Traumata des Kindes.cite-ref-4[4]
In den 1990er Jahren belebte T. Berry Brazelton die Diskussion, indem er aktuelle Forschungsergebnisse zur Kompetenz von SĂ€uglingen, sich selbst und ihre GefĂŒhle von Geburt an zum Ausdruck zu bringen, öffentlich machte, Eltern fĂŒr diese Signale sensibilisierte und â wie Spock â ermutigte, in der Erziehung ihrem eigenen Urteil zu folgen.cite-ref-5[5]
Entstehung des Attachment Parenting
William Sears kam zu diesem Thema 1982 nach intensiver Kenntnisnahme der Schriften Liedloffs.cite-ref-6[6] Sears nannte die Lehre zunĂ€chst âKontinuumkonzeptâ und âImmersionsmutterschaftâ (immersion mothering).cite-ref-7[7] In seinem 1982 publizierten Buch Creative Parenting war das Konzept bereits weitgehend ausgearbeitet. Die â7 Baby-Bsâ waren noch nicht explizit als Kanon gefasst, als Grundelemente der Lehre aber bereits deutlich zu erkennen.cite-ref-8[8] 1985 brachten William Sears und seine Frau Martha Sears die Lehre ex post mit der Bindungstheorie in Verbindung, die sie in dieser Zeit erstmals rezipierten,cite-ref-9[9] und begannen, von âAttachment Parentingâ zu reden:cite-ref-10[10]
â[...] I realized we needed to change the term to something more positive, so we came up with AP, since the Attachment Theory literature was so well researched and documented, by John Bowlby and others.â
â[...] wurde mir klar, dass wir den Begriff zu etwas Positiverem Ă€ndern mussten, so kamen wir auf AP, weil die AttachmentÂtheorie-Literatur so gut erforscht und dokumentiert war, durch John Bowlby und andere.â
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Martha Sears
1994 entstand in Alpharetta, Georgia die erste Attachment-Parenting-Organisation, Attachment Parenting International, gegrĂŒndet von Lysa Parker und Barbara Nicholson.cite-ref-12[12] Die erste Buchpublikation, die den Terminus âAttachment Parentingâ im Titel trug, war 1998 ein Werk von Tammy Frissell-Deppe, einer Mutter, die darin von ihren persönlichen Erfahrungen und denen befreundeter Eltern berichtet.cite-ref-13[13] 1999 folgte ihr Katie Allison Granju,cite-ref-14[14] fĂŒr deren Buch William Sears das Vorwort schrieb, bevor er 2001, gemeinsam mit Martha Sears, sein eigenes Werk The Attachment Parenting Book veröffentlichte. Die von Spock ausgehende Entwicklungslinie weg von einer krud behavioristischen SĂ€uglingsanthropologie hin zu einer kontingenzorientierten Erziehung fand in diesen Veröffentlichungen ihre Zuspitzung und nahm gleichzeitig Ideen einer instinktgeleiteten bzw. ânatĂŒrlichenâ Erziehung im Sinne von Liedloff auf.
Im selben Jahr wie Searsâ Attachment Parenting Book erschien Jan Hunts Essaysammlung The Natural Child. Parenting from the Heart (2001). Hunt, die sich als Kinderrechtlerin versteht, empfiehlt darin ĂŒber die Methoden des Attachment Parenting hinaus auch Unschooling.cite-ref-15[15]
Methoden
Babyreading
Wie vor ihm bereits die Vertreter der Bindungstheorie, besonders Mary Ainsworth, lehrt Sears, dass stabile Mutter-Kind-Bindungen auf der Kontingenz â der harmonischen GefĂŒhlskommunikation â von Mutter und Kind aufbauen, die wiederum ResponsivitĂ€t der Mutter zur Voraussetzung hat. Sears spricht in diesem Zusammenhang von âBabyreadingâ, einem âLesenâ der kindlichen Signale durch die Mutter,cite-ref-16[16] und von âto be in the grooveâ, einem Slangbegriff, der einen Zustand emotionaler Feinabstimmung (Attunement) ausdrĂŒckt.cite-ref-17[17]
Die 7 Baby-Bs
Sears ist davon ĂŒberzeugt, dass es Praktiken des Umgangs mit einem SĂ€ugling gibt, die dem âBabyreadingâ entgegenkommen und die die SensibilitĂ€t der Mutter fĂŒr die Signale ihres Kindes steigern.cite-ref-18[18] Die Methode des Attachment Parenting besteht in sieben Verhaltensweisen, die laut Sears ein synergetisches Ensemble bilden und die, wie er schreibt, auf den biologischen BedĂŒrfnissen des Kindes basieren.cite-ref-19[19] Weil diese Praktiken im Englischen mit dem Buchstaben âBâ beginnen, spricht Sears von den â7 Baby-Bsâ:cite-ref-20[20]
âą Aufnahme des Körper- und Augenkontakts zwischen Mutter und Kind sofort nach der Geburt (englisch âBirth bondingâ)
âą Stillen statt Flaschennahrung (englisch âBreastfeedingâ)
âą (möglichst hĂ€ufiges) Tragen des Kindes am Körper (englisch âBabywearingâ)
âą Schlafen in NĂ€he des Kindes (englisch âBedding close to babyâ)
âą Beachten des Schreiens des Kindes (englisch âBelief in the language value of your baby's cryâ)
âą Kein Schlaftraining (englisch âBeware of baby trainersâ)
âą Balance der BedĂŒrfnisse von Kind und Mutter (englisch âBalanceâ)
Bis 1999 gab William Sears nur 5 Baby-Bs an. Die beiden letztgenannten kamen erst 2001 mit dem Attachment Parenting Buch hinzu.cite-ref-21[21]
Kontaktaufnahme sofort nach der Geburt
William Sears geht davon aus, dass es ein kurzes Zeitfenster unmittelbar nach der Geburt gibt, in dem enger Kontakt von Mutter und Kind der Bindung besonders zutrĂ€glich ist, bezeichnet dies als âPrĂ€gungâ und beruft sich auf eine Studie von Marshall Klaus und John Kennell aus dem Jahre 1967, die ihre ursprĂŒngliche Annahmen, auf die Sears und Sears sich hier berufen, spĂ€ter allerdings mehrfach modifiziert haben.cite-ref-22[22] Sears empfiehlt Frauen, wĂ€hrend der Geburt auf ein medikamentöses Schmerzmanagement zu verzichten, da Analgetika auch das Kind betĂ€uben und damit die Bindung, die unmittelbar nach der Geburt stattfinden soll, behindern.cite-ref-23[23]
Stillen
Sears und Sears argumentieren, dass das Stillen der Mutter-Kind-Bindung entgegenkomme, weil es bei der Mutter â insbesondere in den ersten 10 Tagen nach der Geburt â OxytocinausschĂŒttungen auslöst, die sie emotional enger ans Kind binden.cite-ref-24[24] Anders als die FlaschenfĂŒtterung, die tendenziell im 3-4-Stunden-Rhythmus erfolge, versetze das Stillen die Mutter auch in die Lage, die Stimmungen und BedĂŒrfnisse des Kindes genau zu beobachten.cite-ref-25[25] Da die Halbwertszeiten der bindungsfördernden Hormone Prolaktin und Oxytocin sehr kurz sind, empfehlen sie insbesondere fĂŒr Neugeborene sehr hĂ€ufiges Stillen (8â12 Mal pro Tag).cite-ref-26[26] FĂŒr besonders wertvoll halten sie das Stillen zwischen 1 und 6 Uhr morgens.cite-ref-27[27] Generell machen Sears und Sears fĂŒr das Stillen geltend, dass gestillte Kinder gesĂŒnder als Flaschenkinder seien und dass das Stillen auch der Mutter gesundheitliche Vorteile biete.cite-ref-28[28] Sie schreiben, dass SĂ€uglinge im ersten halben Lebensjahr ausschlieĂlich Muttermilch erhalten sollten, weil sie in diesem Alter gegen alle anderen Lebensmittel allergisch seien.cite-ref-29[29]
Sie empfehlen MĂŒttern, ihr Kind 1 bis 4 Jahre lang zu stillen:cite-ref-30[30]
âWhile breastfeeding for only a few months is the cultural norm for Western Society, what we know about breastfeeding in primitive cultures and weaning times for other mammals that human infants were designed to breastfeed for several years.â
âWĂ€hrend das nur wenige Monate lange Stillen die kulturelle Norm der Westlichen Gesellschaft ist, sind menschliche SĂ€uglinge, nach allem was wir ĂŒber primitive Kulturen und Abstillzeiten anderer SĂ€ugetiere wissen, dafĂŒr gemacht, mehrere Jahre lang gestillt zu werden.â
â
Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book
Als BegrĂŒndung fĂŒr das Langzeitstillen geben Sears und Sears an, dass das Stillen die Bindung unterstĂŒtze und dass das Stillen bei Ă€lteren Kindern verwendet werden könne, um das Kind bei Bedarf zu trösten oder um Mutter und Kind an turbulenten Tagen zusammenzubringen.cite-ref-32[32] Auch gegen das nĂ€chtliche Stillen von Kleinkindern sei nichts einzuwenden.cite-ref-33[33] Bereits 1992 hatte Norma Jane Bumgarner ĂŒber das Stillen von Kleinkindern ein eigenes Buch veröffentlicht.cite-ref-34[34]
Da zum Stillen aus ethischen GrĂŒnden jedoch keine randomisierten Studien durchgefĂŒhrt werden, ist wiederholt vermutet worden, dass die Ăberlegenheit der BrustfĂŒtterung aus vielen Untersuchungen als Artefakt hervorgegangen sein könnte. Wenn auf Randomisierung generell verzichtet wird und mögliche alternative Faktoren (sozioökonomische Faktoren wie EthnizitĂ€t, Schichtzugehörigkeit und Bildung der Mutter, die sowohl die körperliche, seelische und intellektuelle Entwicklung von Kindern als auch FĂŒtterungsart und Stilldauer beeinflussen) von vornherein nicht in Betracht gezogen werden, besteht grundsĂ€tzlich das Risiko, dass die Effekte der alternativen Faktoren fĂ€lschlich als Effekte des Stillens interpretiert werden.cite-ref-36[36] Einen Ausweg aus diesem methodischen Problem fand erstmals Cynthia G. Colen (Ohio State University), die sozioökonomische Faktoren wirkungsvoll ausklammern konnte, indem sie systematisch nur Geschwister miteinander verglichen hat; ihre Studie hat gezeigt, dass die mit der Flasche aufgezogenen Geschwister von Brustkindern in puncto ihres körperlichen, seelischen und geistigen Gedeihens kaum bzw. statistisch zu vernachlĂ€ssigende Unterschiede zu ihren gestillten Geschwistern aufweisen.cite-ref-37[37]
Auch Sears und Searsâ Annahmen zum Nutzen des Stillens fĂŒr die Bindung sind empirisch untersucht worden. John R. Britton (Kaiser Permanente) hat 2006 mit einem Forscherteam beobachtet, dass feinfĂŒhlige MĂŒtter eine höhere Stillbereitschaft zeigen und lĂ€nger stillen als weniger feinfĂŒhlige MĂŒtter. Ein Effekt der FĂŒtterungsart auf die BindungsqualitĂ€t konnte in dieser Studie indessen nicht nachgewiesen werden.cite-ref-38[38]
Tragen des Kindes am Körper
Sears und Sears empfehlen, vor allem jĂŒngere SĂ€uglinge möglichst stĂ€ndig am Körper zu tragen, etwa in einem Babytragetuch.cite-ref-39[39] Als BegrĂŒndung geben sie an, dass diese Praxis das Kind glĂŒcklich macht, dass sie es erlaubt, das Kind in sĂ€mtliche TagesaktivitĂ€ten der Mutter einzubeziehen, sodass es mehr Sinnesreizen ausgesetzt ist, und dass die Mutter das Kind auch dann nicht aus den Augen verliert, wenn sie mit anderen Dingen beschĂ€ftigt ist.cite-ref-40[40] BerufstĂ€tigen MĂŒttern empfehlen sie, das Kind tĂ€glich mindestens 4â5 Stunden zu tragen, um die arbeitsbedingte Abwesenheit wiedergutzumachen.cite-ref-41[41] TatsĂ€chlich hat ein New Yorker Forscherteam 1990 in einer randomisierten Studie nachgewiesen, dass Kinder von UnterschichtmĂŒttern, die in einer Kindertrage viel Zeit am Körper der Mutter verbracht hatten, im Alter von 13 Monaten signifikant hĂ€ufiger eine sichere Bindung im Sinne von Ainsworth aufwiesen als Kinder der Vergleichsgruppe, die mehr Zeit in einer SĂ€uglingsschale verbracht hatten.cite-ref-42[42] FĂŒr Mittelschichtfamilien konnte ein solcher Effekt bisher jedoch nicht nachgewiesen werden.
Weiterhin argumentieren Sears und Sears, dass das Babywearing den kindlichen Gleichgewichtssinn trainiere und â weil das am Körper getragene Kind mehr mĂŒtterliche Konversationen miterlebe â die Sprachentwicklung fördere.cite-ref-43[43] Wissenschaftliche Studien, in denen solche Langzeiteffekte empirisch hĂ€tten aufgewiesen werden können, existieren bislang nicht.
Unstrittig ist, dass Kinder sich durch Tragen beruhigen lassen. SĂ€uglinge weinen am meisten im Alter von 6 Wochen; eine 1986 an der McGill University durchgefĂŒhrte randomisierte Studie hat gezeigt, dass Kinder in dieser Entwicklungsphase signifikant weniger weinen, wenn sie tagsĂŒber viel am Körper der Eltern getragen werden.cite-ref-44[44] Sears und Sears empfehlen das Tragen des Kindes daneben auch als Einschlafhilfe.cite-ref-45[45] Insgesamt befĂŒrworten sie ein Bereithalten des Tragetuches bis ins dritte Lebensjahr, weil das Tragen auch zur Beruhigung von Kindern verwendet werden könne, die sich ungezogen verhalten.cite-ref-46[46] Viele Autoren halten es jedoch fĂŒr erzieherisch bedenklich, Kindern auch nach dem neunten Lebensmonat noch stĂ€ndig am Körper der Mutter zu halten, weil dies mit den natĂŒrlichen Autonomiebestrebungen eines Kindes nicht zu vereinbaren sei; im deutschsprachigen Raum haben sich in diesem Sinne u. a. Michael Winterhoff und Sabine Völkl-Kernstock (Medizinische UniversitĂ€t Wien) geĂ€uĂert.cite-ref-47[47]
Schlafen in NĂ€he des Kindes
Sears und Sears erklĂ€ren, dass jedes Schlafarrangement, das fĂŒr eine individuelle Familie funktioniert, in Ordnung sei, empfehlen MĂŒttern aber, nah beim Kind zu schlafen.cite-ref-48[48] Als GrĂŒnde geben sie an, dass das Co-Sleeping â als nĂ€chtliche Entsprechung des Babywearing â Trennungsangst abwende, der Mutter-Kind-Bindung zugute komme, dem plötzlichen Kindstod vorbeuge und das nĂ€chtliche Stillen fĂŒr die Mutter bequemer mache.cite-ref-49[49] Obwohl der Schlaf der Mutter durch vielfaches nĂ€chtliches Stillen hĂ€ufiger unterbrochen werde, schlafen Mutter und Kind â so Sears und Sears â besser als in getrennten Betten.cite-ref-50[50] Ăberdies gedeihe das Kind aufgrund des hĂ€ufigen Stillens körperlich, emotional und intellektuell besser, als wenn es âweinend, allein, hinter Gitternâ schlafen mĂŒsse.cite-ref-51[51] Katie Allison Granju macht zugunsten des Co-Sleeping ĂŒberdies geltend, dass es Kindern lebhaft das Konzept von Schlafenszeit veranschauliche.cite-ref-52[52] Schon 1976 hatte Tine Thevenin ein viel beachtetes PlĂ€doyer fĂŒr das âFamilienbettâ publiziert.cite-ref-53[53] Dass ein Kind die ganze Nacht mit einer Brustwarze der Mutter im Mund verbringt, finden Sears und Sears höchstens dann bedenklich, wenn die Frau sich dadurch allzu stark belastet fĂŒhlt.cite-ref-54[54] Dass ein dreijĂ€hriges Kind noch jede Nacht im Bett der Mutter schlĂ€ft, erscheint ihnen unproblematisch.cite-ref-55[55] BerufstĂ€tige MĂŒtter sollen, um die Bindung zu sichern, auf jeden Fall mit dem Kind zusammen schlafen.cite-ref-56[56]
Plötzlicher Kindstod (SIDS) ist ein sehr seltenes Ereignis; es betrifft weniger als œ Promille aller SĂ€uglinge. James J. McKenna (University of Notre Dame) hat beobachtet, dass MĂŒtter und SĂ€uglinge beim Co-Sleeping nicht nur ihre Wach-Schlaf-Rhythmen, sondern auch ihre Atmung synchronisieren; dies fĂŒhrt ihn zu der Vermutung, dass Co-Sleeping das SIDS-Risiko senke.cite-ref-57[57] Eine britische Studie, die sich unmittelbar mit dem plötzlichen Kindstod beschĂ€ftigt, hat bestĂ€tigt, dass das Schlafen von Mutter und SĂ€ugling in getrennten RĂ€umen das SIDS-Risiko erhöhen kann; eine Senkung des Risikos durch Schlaf in einem gemeinsamen Bett wurde hier jedoch nicht beobachtet.cite-ref-58[58]
Generell bestĂ€tigt die Forschung eine Ăberlegenheit des Co-Sleeping gegenĂŒber dem getrennten Schlafen nicht. Eine israelische Metastudie aus dem Jahre 2000 hat aufgezeigt, dass Schlafhilfen wie Schnuller oder TeddybĂ€ren den kindlichen Schlaf verbesserten, wĂ€hrend Co-Sleeping und hĂ€ufiges Stillen â beim Co-Sleeping stillen MĂŒtter nachts dreimal so hĂ€ufig wie bei Schlafarrangements in getrennten Zimmerncite-ref-59[59] â der Entstehung gesunder Schlafmuster eher im Wege stehen wĂŒrden. Wichtigster Faktor fĂŒr den guten Schlaf des Kindes sei die emotionale Ansprechbarkeit der Mutter, nicht ihre stĂ€ndige körperliche NĂ€he.cite-ref-60[60]
Beachten des Schreiens des Kindes
Als zentrales Ausdrucksmittel des SĂ€uglings bestimmen Sears und Sears das Schreien: âSchreien ist ein Bindungswerkzeugâ.cite-ref-61[61] Die Eltern sind dabei herausgefordert, das â anfangs generalisierte â Schreien sensibel zu âlesenâ und dem Kind durch einfĂŒhlsame RĂŒckmeldung zu helfen, das Repertoire seiner Ausdrucksmittel immer weiter zu nuancieren.cite-ref-62[62] DarĂŒber hinaus empfehlen Sears und Sears SchreiprĂ€vention: Eltern sollen das Kind nicht nur möglichst viel stillen, tragen und mit ihm gemeinsam schlafen, sondern auch auf frĂŒhe, unauffĂ€llige Alarmsignale des Kindes reagieren, damit es zum Schreien ĂŒberhaupt nicht erst kommt.cite-ref-63[63] Gleichzeitig sollen sie dem Kind aber auch schon frĂŒh vermitteln, dass manche AnlĂ€sse Aufregung gar nicht verdienen.cite-ref-64[64]
Generell vertritt William Sears die Auffassung, dass SĂ€uglinge möglichst wenig schreien gelassen werden dĂŒrfen, weil ihnen sonst Schaden drohe.cite-ref-65[65]
Zuvor hatte T. Berry Brazelton in einer einschlĂ€gigen Studie 1962 dargelegt, dass ein âgewisses MaĂâ von Schreien in den ersten Lebenswochen des SĂ€uglings kein Hinweis auf emotionale oder körperliche Probleme, sondern normal und unbedenklich sei.cite-ref-66[66]
Kein Schlaftraining
Sears und Sears nennen vor allem zwei GrĂŒnde, warum SĂ€uglinge keinem Schlaftraining unterzogen werden sollen: Schlaftraining verhĂ€rte die Mutter emotional;cite-ref-67[67] Kinder, die einem Schlaftraining unterzogen wurden, schlafen nicht etwa besser, sondern seien lediglich resigniert und apathisch (âShutdown Syndromeâ, eine Pathologie, die in den Klassifikationssystemen ICD und DSM nicht vorkommt).cite-ref-68[68] Frissell-Deppe und Granju bezeichnet Schlaftraining als fĂŒr das Kind traumatisch.cite-ref-69[69]
Sears und Sears geben an, BefĂŒrworter von Schlaftraining seien fachlich inkompetent, wollen nur Geld verdienen, und ein Nutzen des Trainings sei wissenschaftlich bis heute nicht nachgewiesen worden.cite-ref-70[70] Eine Rezeption der Forschungsliteratur zu diesem Thema lassen sie nicht erkennen.
Herbert Renz-Polster stellt fest, dass die FĂ€higkeit der Kinder, durch Schlaftraining selbststĂ€ndig in den Schlaf zu finden, fĂŒr die Eltern und die Familie insgesamt eine Entlastung darstellt. Er ist der Meinung, dass sich das klassische Schlaftraining allerdings nicht fĂŒr Kinder eigne, die noch gestillt werden. Ohnehin sei die mĂŒtterliche Brust fĂŒr Stillkinder die ideale Einschlafhilfe. Etwa ein Drittel der Kinder im Alter von 6 Monaten könne nachts durchschlafen, ohne zwischendurch gefĂŒttert zu werden. Flaschennahrung werde weniger schnell verdaut und in der Regel in gröĂeren Portionen aufgenommen, wodurch nicht gestillte Kinder in der Nacht eher durchschlĂ€fen. Andererseits nehme in der Regel die HĂ€ufigkeit des nĂ€chtlichen Aufwachens bei SĂ€uglingen in den ersten sechs Monaten kaum ab. Gestillte Kinder, die nahe bei der Mutter schlafen, hĂ€tten einen leichteren Schlaf. Sie wachten hĂ€ufiger auf und nĂ€hmen gegenĂŒber SĂ€uglingen, die im eigenen Bett schlafen, bis zu einem Drittel mehr Nahrungsenergie zu sich. Da sich die Schlafrhythmen von Mutter und Kind aufeinander abstimmen, sei der Schlaf trotz des hĂ€ufigeren Aufwachens Ă€hnlich erholsam, wie bei getrennt schlafendem Kind. Etwa alle 50 Minuten wechsle ein Kleinkind tagsĂŒber von einer aktiven in eine beruhigte Phase. Wenn sich das Kind in der ruhigen Phase geborgen und behaglich fĂŒhlt, werde es selbststĂ€ndig in den Schlaf finden.cite-ref-aus-sicht-der-evolution-71-0[71]
FĂŒr Einzelheiten siehe den Artikel Schlaftraining.
Balance der BedĂŒrfnisse von Mutter und Kind
Sears und Sears sind sich darĂŒber im Klaren, dass Attachment Parenting fĂŒr Eltern â insbesondere fĂŒr MĂŒtter â eine weitaus gröĂere Belastung darstellt als die meisten anderen heute ĂŒblichen Formen der Erziehung.cite-ref-72[72] Sie schlagen daher eine ganze Reihe von MaĂnahmen vor, die einem Burnout vorbeugen sollen, wie etwa das Priorisieren und Delegieren von Aufgaben und TĂ€tigkeiten der Frau, eine Rationalisierung ihres Tagesablaufes und Einbeziehung des Vaters.cite-ref-73[73] Im schlimmsten Falle soll ein Psychotherapeut zu Rate gezogen werden.cite-ref-74[74]
Auch bei einer Ăberlastung der Mutter solle an der Methode jedoch um jeden Preis festgehalten werden.cite-ref-75[75] Sears und Sears sehen ihre Opponenten als âautoritĂ€re MĂ€nner, die in ihrer Rolle als Ratgeber [...] gefangen sindâ.cite-ref-76[76] Auch Granju kritisiert die âmĂ€nnlich dominierte âwissenschaftlicheâ Lenkung der Kinderpflegeâ. Das niedrige Ansehen, das in den Kulturen der Westlichen Welt insbesondere dem Langzeitstillen beschieden ist, fĂŒhrt sie auf eine Sexualisierung der weiblichen Brust zurĂŒck: in der sexistischen Weltsicht âgehöreâ die Brust den MĂ€nnern.cite-ref-77[77] Auch Mayim Bialik hĂ€lt das Attachment Parenting fĂŒr eine feministische Option, weil es einen Gegenentwurf zur â mĂ€nnlich dominierten â Ăbermacht der Ărzte darstelle, die die Bereiche Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft traditionell geprĂ€gt haben.cite-ref-78[78]
Weil eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf beim Praktizieren der Lehre massiv beeintrÀchtigt ist, sind diese Positionen im Rahmen der Attachment-Parenting-Kontroverse spÀter vehement kritisiert worden.
Elterliche AutoritÀt
Dass viele Kinder sich so verhalten, dass ihre Eltern zu Erziehungsmitteln wie z. B. Schelten greifen, fĂŒhrt Sears darauf zurĂŒck, dass die Kommunikation zwischen Eltern und Kind in diesen FĂ€llen nicht zu solcher SubtilitĂ€t entwickelt sei wie in Attachment-Parenting-Familien, in denen ein Stirnrunzeln der Eltern genĂŒge, um ein Kind zu disziplinieren. Ein Kind, das seinen Eltern vertraue, sei kooperativ und widersetze sich nicht dagegen, dass die Eltern sein Verhalten leiten.cite-ref-79[79] Sears und Sears empfehlen positive Disziplin;cite-ref-80[80] anders als viele AP-Eltern lehnt William Sears konfrontative Erziehungsmittel (firm, corrective response) aber nicht grundsĂ€tzlich ab und rĂ€umt elterlicher AutoritĂ€t einerseits und kindlichem Gehorsam und Gewissen andererseits einen hohen Stellenwert ein.cite-ref-81[81] Sears und Sears sind dezidierte BefĂŒrworter einer autoritativen Erziehung.cite-ref-82[82]
Theoretische Konzeption
Anspruch
Wie vor ihnen Benjamin Spock verstehen Sears und Sears die von ihnen empfohlene Erziehung als Common-Sense- und instinktgeleitete Ad-hoc-Erziehung.cite-ref-83[83] Im Unterschied zu Spock, dessen Erziehungsphilosophie geradlinig aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds weitergedacht war, hat William Sears seiner Lehre aber tatsÀchlich keine geschlossene Theorie (etwa die Bindungstheorie) zugrunde gelegt, sondern ging allein von seiner praktischen Erfahrung als Vater und als Beobachter anderer Familien aus.cite-ref-84[84]
âOur ideas about attachment parenting are based on thirty-plus years of parenting our own eight children and observing moms and dads whose parenting choices seemed to make sense and whose children we liked. We have witnessed the effects this approach to parenting has on children.â
âUnsere Ideen zum Attachment Parenting basieren auf mehr als 30-jĂ€hriger Erziehung unserer eigenen acht Kinder und auf der Beobachtung von MĂŒttern und VĂ€tern, deren ErziehungsÂentscheidungen sinnvoll schienen und deren Kinder wir mochten. Wir haben die Wirkungen gesehen, die dieser Erziehungsansatz auf Kinder hat.â
â
Bill Sears, Martha Sears
Trotz des Fehlens einer geschlossenen Theorie halten Sears und Sears die Lehre fĂŒr wissenschaftlich abgesichert:
âAP is not only common sense, itâs supported by science.â
âAP ist nicht nur Common Sense, es wird von der Wissenschaft unterstĂŒtzt.â
â
Bill Sears, Martha Sears
Dass sie die Lehre fĂŒr bewiesen halten, hindert Sears und Sears nicht daran, Eltern, die Attachment Parenting praktizieren, zu empfehlen, mit Kritikern des Attachment Parenting keine Diskussionen zu fĂŒhren.cite-ref-86[86] Auch verwerfen sie Teile der Forschung, wĂ€hrend sie anderen den Vorzug geben:
âScience says: Good Science Backs AP.â
âDie Wissenschaft sagt: Gute Wissenschaft stĂŒtzt AP.â
â
Bill Sears, Martha Sears
Einzelne Begriffe und deren Probleme
Kritiker des Attachment Parenting sehen in diesem Fehlen eines theoretischen Fundaments â insbesondere im Verzicht auf eine genaue Bestimmung der Grundbegriffe â eine schwerwiegende KonzeptionsschwĂ€che.
âFeinfĂŒhligkeitâ
Das Konzept der emotionalen Feinabstimmung ist in der Psychologie seit Mesmer bekannt, der dafĂŒr im 18. Jahrhundert den Terminus âRapportâ eingefĂŒhrt hat, bevor Freud ihn fĂŒr die Psychoanalyse ĂŒbernahm. In der modernen Verhaltensforschung und in der Entwicklungspsychologie spricht man bezogen auf das Mutter-Kind-VerhĂ€ltnis eher von âKontingenzâ; Daniel Stern spricht auch von âAttunementâ. Die FĂ€higkeit von Eltern, auf emotionale Signale ihres Kindes angemessen zu reagieren, wird als ResponsivitĂ€t bezeichnet.
Attachment Parenting ist fĂŒr Sears und Sears eine Erziehung, die radikal von mĂŒtterlicher ResponsivitĂ€t geprĂ€gt ist. Von Mary Ainsworth haben sie dafĂŒr den Begriff der mĂŒtterlichen FeinfĂŒhligkeit (maternal sensitivity) ĂŒbernommen: Die Frau richtet ihre Aufmerksamkeit ganz aufs Kind (âBabyreadingâ) und reagiert fortlaufend auf jedes Signal, das das Kind aussendet, wodurch beide in einen Zustand der Harmonie gelangen, aus welcher wiederum die wechselseitige Bindung erwĂ€chst.cite-ref-88[88] Sears geht davon aus, dass das âEinstimmenâ der Mutter auf das Kind bereits in der Schwangerschaft beginnt.cite-ref-89[89]
âBindungâ
Die Bindung des Kindes an die Eltern ist in der SĂ€uglings- und Kleinkindforschung gut untersucht. Donald Winnicott hatte bereits in den ausgehenden 1940er Jahren detailliert beschrieben, wie gesunde Kinder sich spĂ€testens nach dem 6. Lebensmonat ganz normal aus dieser Symbiose zu lösen beginnen. Die detaillierteste Beschreibung davon, wie die Bindung des Kindes an die Eltern sich in den ersten drei Lebensjahren entwickelt, stammt jedoch von Margaret Mahler. William Searsâ Schriften lassen keine Kenntnisse dieser einschlĂ€gigen Fachliteratur erkennen.
Sears und Sears verwenden den Begriff âBindungâ in einem umgangssprachlichen Sinne und setzen ihn mit âVertrauenâ (trust), âHarmonieâ, âNĂ€heâ (closeness), âLiebesbandenâ (love bonds) und âVerbindungâ (connection) gleich: âBindung beschreibt das ganze FĂŒrsorgeverhĂ€ltnis zwischen Mutter oder Vater und Baby.âcite-ref-90[90] Sie erwĂ€hnen zwar, dass Bindung durch Kontingenz entsteht, verwenden die Begriffe âBindungâ und âKontingenzâ in ihren weiteren AusfĂŒhrungen aber synonym. Die beiden Begriffe werden nicht voneinander unterschieden. Bindung erscheint dem Leser dadurch als ein Zustand, der sich niemals stabilisiert und durch FeinfĂŒhligkeit laufend von Grund auf neu hergestellt werden muss.cite-ref-91[91]
In offenem Widerspruch zu allen vorherigen AusfĂŒhrungen ihres Buches wenden Sears und Sears sich im vorletzten Kapitel beschwichtigend an Adoptiveltern: âSorgen Sie sich nicht um die Bindung, die Ihr Kind in der Pflegeunterbringung âverpasstâ haben könnte. SĂ€uglinge sind extrem resilient.âcite-ref-92[92]
âUnsichere Bindungâ
ErklÀrtes Ziel des Attachment Parenting ist die Herstellung einer sicheren Mutter-Kind-Bindung.
Wie aus Kontingenz Bindung erwÀchst und welchen Störungen dieser Prozess unterworfen sein kann, ist in wissenschaftlichen Studien vielfach untersucht und dokumentiert worden. In der Fachliteratur werden problematische oder gestörte Bindungen in dreierlei ZusammenhÀngen beschrieben:
âą Die tiefgreifendsten Folgen fĂŒr die Bindungsentwicklung haben grob inadĂ€quate Lebensbedingungen des Kindes mit fortgesetzter schwerer Misshandlung oder dauerhafter Unterbringung in schlecht gefĂŒhrten Heimen ohne primĂ€re Bezugsperson. Es kann in diesen FĂ€llen zu einer reaktiven Bindungsstörung im Sinne von ICD-10 kommen; sie ist durch stark auffĂ€llige Verhaltensweisen gekennzeichnet, wird in reichen LĂ€ndern der Westlichen Welt aber nur selten beobachtet.cite-ref-93[93]
âą Mary Ainsworth hat einen Typ desorganisierter Bindung beschrieben, der ebenfalls vermehrt bei solchen Kindern auftritt, die als SĂ€ugling misshandelt worden sind, und bei Jungen hĂ€ufiger als bei MĂ€dchen.cite-ref-94[94] Die Kinder zeigen Disstress, und ihre MĂŒtter verminderte Empathie.cite-ref-beebe-95-0[95] Desorganisierte Bindung ist keine Psychopathologie im Sinne von ICD-10, sondern ein Verhaltenstyp, der ausschlieĂlich im Fremde-Situations-Test beschrieben wird. In ânormalenâ Mittelklassefamilien zeigen etwa 15 % der Kinder ein desorganisiertes Bindungsverhalten. Deutlich höher ist der Anteil in sozialen Randgruppen.cite-ref-96[96]
âą Eine dritte Gruppe problematischer Bindung bilden die ebenfalls von Mary Ainsworth beschriebenen Typen unsicher-vermeidender und unsicher-ambivalenter Bindungen. Unsicher gebundene Kinder halten ihre primĂ€re Bezugsperson im Fremde-Situations-Test entweder auf Distanz oder schwanken zwischen Klammern und ZurĂŒckweisung. Wie Beatrice Beebe (Columbia University) 2010 mit einem Forschungsteam aufgewiesen hat, erfahren diese Kinder von ihren MĂŒttern chronisch Dinge wie Unter- oder Ăberstimulation, Zudringlichkeit oder UnbestĂ€ndigkeit. Die MĂŒtter verhielten sich allerdings durchaus empathisch und hatten keine Probleme, auf den GefĂŒhlsausdruck ihrer Kinder angemessen zu reagieren; ihre Kinder wiesen auch keinerlei Zeichen von emotionalem Disstress auf.cite-ref-beebe-95-1[95] Unsichere Bindung im Sinne von Ainsworth kommt recht hĂ€ufig vor und betrifft in Deutschland z. B. fast jedes zweite Kind.cite-ref-ik-97-1[97]
William Sears verwendet die Begriffe âverminderte BindungsqualitĂ€tâ, âunsichere Bindungâ und âNicht-Bindungâ (non-attachment) synonym; seine Schriften lassen nicht erkennen, welche Art von BeeintrĂ€chtigung der Bindung gemeint ist: Bindungsstörung (ICD-10), desorganisierte Bindung (Ainsworth) oder die beiden Formen unsicherer Bindung (Ainsworth).cite-ref-98[98] 1982 noch schrieb Sears ĂŒber âKrankheiten der Nicht-Bindungâ (diseases off non-attachment) nur unter Referenz auf die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg, die in den 1970er Jahren SĂ€uglinge mit angeborener Blindheit studiert hatte.cite-ref-99[99] Sears ist vorgeworfen worden, mit diesem unscharfen Begriff einer Bindungsstörung eine Inflation falsch-positiver FĂ€lle zu erzeugen.cite-ref-100[100] Er unterscheidet auch zwischen (guter) Bindung (attachment) und (schlechter) Verstrickung (enmeshment), ohne seinen Lesern aufzuzeigen, woran genau sie den Unterschied erkennen sollen.cite-ref-101[101]
FĂŒr William Searsâ Anspruch, seine Methode (die â7 Baby-Bsâ) sei geeignet, die Kontingenz von Mutter und Kind sicherzustellen, fehlt jeder Nachweis. Mary Ainsworth hat in Feldstudien in Uganda beobachtet, dass Kinder, die viel Zeit mit ihrer Mutter verbringen und nach Bedarf gestillt werden, durchaus Zeichen von unsicherer Bindung entwickeln können; entscheidend fĂŒr die gelingende Bindung sei nĂ€mlich nicht die QuantitĂ€t, sondern die QualitĂ€t der Interaktion von Mutter und Kind. Als Determinante fĂŒr sichere Bindung nennt Ainsworth darum nicht Praktiken wie Co-Sleeping, Babywearing und Stillen nach Bedarf, sondern die FeinfĂŒhligkeit der Mutter.cite-ref-102[102]
âBedĂŒrfnisâ
Obwohl ihr theoretischer Ausgangspunkt â die Kontingenzidee â es nahelegen wĂŒrde, den SĂ€ugling in erster Linie als ein fĂŒhlendes und kommunizierendes Geschöpf zu verstehen, verstehen Sears und Sears ihn noch vorrangiger als ein BedĂŒrfniswesen.cite-ref-103[103] âBedĂŒrfnisâ (engl. need) ist ein Grundbegriff der Lehre; Attachment Parenting bedeutet, die BedĂŒrfnisse des SĂ€uglings zu beachten und zu befriedigen.cite-ref-104[104]
Psychologen wie Abraham Maslow hatten bereits in den 1940er Jahren detaillierte Modelle der menschlichen BedĂŒrfnisse entwickelt; BedĂŒrfnisse und WĂŒnsche werden seitdem klar voneinander unterschieden. Im Jahr 2000 hat T. Berry Brazelton, ein Pionier auf dem Gebiet der Neugeborenenpsychologie, gemeinsam mit dem Kinderpsychiater Stanley Greenspan ein Buch Die sieben GrundbedĂŒrfnisse von Kindern veröffentlicht, in dem erneut eine genaue Bestimmung des BedĂŒrfnisbegriffes unternommen wird.
Als Sears und Sears ein Jahr darauf ihr Attachment Parenting Buch publizierten, gingen sie weder auf Maslow noch auf Brazelton und Greenspan ein, sondern verwendeten den BedĂŒrfnisbegriff ausschlieĂlich in einem umgangssprachlichen Sinne. Zwar betonen sie, dass Eltern zwischen den âBedĂŒrfnissenâ und den âWĂŒnschenâ (wants, desires) ihres Kindes unterscheiden sollen, geben aber keine Handhabe, worin genau BedĂŒrfnisse sich von WĂŒnschen unterscheiden, und wie Eltern den Unterschied erkennen sollen.cite-ref-105[105] An anderer Stelle schreiben sie, beim SĂ€ugling seien WĂŒnsche und BedĂŒrfnisse vollstĂ€ndig dasselbe.cite-ref-106[106] Im Allgemeinen verwenden sie beide AusdrĂŒcke einfach synonym.cite-ref-107[107] Bezogen auf Kleinkinder formulieren sie, ein Kind sei ânoch nicht bereitâ, z. B. auf die Brust oder auf das Schlafen im Bett der Mutter zu verzichten, sprechen vereinzelt aber selbst in diesem Zusammenhang von âBedĂŒrfnissenâ.cite-ref-108[108]
Kritiker des Attachment Parenting haben in Frage gestellt, dass dem Verhalten eines 3œ-jĂ€hrigen, der immer noch gestillt werden möchte, tatsĂ€chlich ein BedĂŒrfnis zugrunde liege. Sehr wahrscheinlich gehe es hier eher um Trost als um ErnĂ€hrung. Zwar sei auch das Trösten eine wichtige elterliche Aufgabe; ebenso jedoch seien Eltern dazu angehalten, ihr Kind zu lehren, sich aus eigener Kraft zu beruhigen.cite-ref-savvy-109-0[109]
âStressâ
Stress ist in zahlreichen psychologischen Studien untersucht und dargestellt worden. Die theoretischen Grundlagen dafĂŒr hatte Richard Lazarus bereits in den 1960er Jahren geschaffen. Hans Selye fĂŒhrte 1974 die Unterscheidung von Disstress und Eustress ein, und der Psychoanalytiker Heinz Kohut schrieb 1984 von âoptimaler Frustrationâ, also von gut dosierten Störungen der Harmonie von Eltern und Kind, die die Voraussetzung dafĂŒr bilden, dass das Kind eine gesunde Persönlichkeit entwickeln kann.cite-ref-110[110] Auch in der Resilienzforschung hat sich heute die Auffassung durchgesetzt, dass es Kindern nicht gut tut, wenn die Eltern unterscheidungslos jeden Stress als unzumutbaren Disstress einstufen; sie suggerieren dem Kind damit, die Probleme des Alltags seien schmerzhaft und mĂŒssten pauschal vermieden werden.cite-ref-111[111]
Obwohl âStressâ ebenfalls zu den Grundbegriffen des Attachment Parenting zĂ€hlt, lassen William Searsâ Schriften nicht erkennen, dass ihr Autor einschlĂ€gige Fachliteratur der Stress- oder der Resilienzpsychologie rezipiert hat.cite-ref-savvy-109-1[109] Er bringt die Begriffe Stress und Disstress zwar mit der AusschĂŒttung von Cortisol in Verbindung, verwendet sie aber synonym, und in einem rein umgangssprachlichen Sinne. Er versteht darunter jeglichen unbehaglichen oder frustrierenden Zustand, der das Kind zum Weinen bringt â ein Signal, auf das Attachment-Parenting-MĂŒtter in der Regel spontan mit Trost und körperlicher NĂ€he reagieren sollen, weil Stress krank mache.cite-ref-112[112] Andererseits sollen MĂŒtter angesichts eines beunruhigten Kindes nicht ĂŒberreagieren und dem Kind Gelassenheit vermitteln (âKaribischer Ansatzâ).cite-ref-113[113] Kriterien, mit deren Hilfe Eltern beurteilen können, wann welche Reaktion geboten ist, gibt Sears nicht.
Die UnschĂ€rfe des Disstress- und des BedĂŒrfnisbegriffes hat fĂŒr die Erziehung weitreichende Konsequenzen. Weil tendenziell hinter jedem Weinen des Kindes schĂ€dlicher Disstress und hinter jedem Begehren des Kindes ein legitimes BedĂŒrfnis vermutet wird, verwechseln Eltern â insbesondere Eltern von Kindern, die dem SĂ€uglingsalter entwachsen sind â Rapport, FeinfĂŒhligkeit, ResponsivitĂ€t, emotionale VerfĂŒgbarkeit und angemessenes BeschĂŒtzen allzu leicht mit Verhaltensweisen, die erzieherisch problematisch sind und die auch William Sears gröĂtenteils nicht billigt:
âą mit Ă€ngstlicher Dauer-Ăberwachung des Kindescite-ref-114[114]
⹠mit Over-Parenting, d. h. stÀndigem Beseitigen von Problemen, die das Kind durchaus selbst bewÀltigen könntecite-ref-115[115]
âą mit stĂ€ndigem elterlichen Mikromanagement der Kindeslaune, um das Kind rund um die Uhr glĂŒcklich zu halten;cite-ref-116[116] William Sears schreibt allerdings selbst, dass GlĂŒck das grundlegende Ziel der Erziehung sei.cite-ref-happy-117-0[117]
âInstinktâ und âNatĂŒrlichkeitâ
Ein weiteres Axiom des Attachment Parenting ist der Instinktbegriff. Sears und Sears beschreiben Attachment Parenting als das natĂŒrliche, von der Biologie vorgegebene, intuitive und spontane Verhalten von MĂŒttern, die sich auf ihre âInstinkteâ, ihren âsechsten Sinnâ, ihre âinnere Weisheitâ und ihren âgesunden Menschenverstandâ verlassen.cite-ref-natur-118-0[118] Auch MĂŒtterlichkeit selbst fĂŒhren sie auf âInstinkteâ zurĂŒck.cite-ref-119[119] MĂ€nnern bescheinigen sie einen verminderten Instinkt fĂŒr die BedĂŒrfnisse des Kindes.cite-ref-120[120]
Die Instinkttheorie entstand in den 1930er Jahren im Rahmen der klassischen vergleichenden Verhaltensforschung. Ihre Anregungen verdankt sie u. a. William McDougall, und ausgearbeitet wurde sie besonders von Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen. Lorenz hielt Instinkte fĂŒr physiologische Prozesse, die er hypothetisch auf Verschaltungen von Nervenzellen im Gehirn zurĂŒckfĂŒhrte. Dass dem Menschen noch viel Instinkt zur VerfĂŒgung stehe, wurde jedoch bereits von Arnold Gehlen bezweifelt, fĂŒr den die PlastizitĂ€t und LernfĂ€higkeit der menschlichen Natur im Vordergrund stand.cite-ref-121[121] In der heutigen Humanforschung gilt der Terminus âInstinktâ als obsolet.cite-ref-122[122] JĂŒngere Studien legen dar, dass mĂŒtterliches Verhalten nicht angeboren, sondern biologisch und sozial determiniert sei.cite-ref-123[123] Es wird teils durch das Hormon Oxytocin ausgelöst, teils erlernt.cite-ref-124[124]
William Searsâ Publikationen lassen keine Kenntnis dieses Forschungsstandes erkennen. Sears und Sears verwenden den Begriff âInstinktâ rein umgangssprachlich und setzen ihn mit Begriffen wie âhormonellâ und ânatĂŒrlichâ synonym,cite-ref-natur-118-1[118] wobei sie als Gegenpol von Instinkt und NatĂŒrlichkeit den âEinfluss von âExpertenââ bestimmen.cite-ref-125[125]
âIf you were on an island, and you had no mother-in-laws, no psychologists, no doctors around, no experts, this is what you would naturally and instinctively do to give your baby the best investment you'll ever give.â
âWenn Sie auf einer Insel wĂ€ren und keine Schwiegermutter, keine Psychologen, keine Ărzte, keine Experten um sich hĂ€tten, dann wĂ€re es das [Attachment Parenting], was Sie natĂŒrlicherweise und instinktiv tun wĂŒrden, um Ihrem Baby die beste Investition zu geben, die Sie jemals geben werden.â
â
William Sears
William Sears, der seine entscheidenden EindrĂŒcke von Jean Liedloff erhalten hat, verweist auf SĂ€ugetiere, auf Primaten, auf âandereâ, ânicht-westlicheâ, âprimitiveâ und âtraditionelle Kulturenâ, namentlich auf Bali und in Sambia.cite-ref-127[127] Die Entwicklungspsychologin Heidi Keller, die Mutter-Kind-Beziehungen in einer groĂen Bandbreite von Kulturen vergleichend untersucht hat, bezweifelt, dass das Attachment Parenting als die RĂŒckkehr zu einer âursprĂŒnglichen MĂŒtterlichkeitâ beschrieben werden könne, als die es von ihren AnhĂ€ngern angepriesen wird. Keller hĂ€lt das Attachment Parenting keineswegs fĂŒr einen Gegenentwurf zur Hightech-Welt, sondern stellt fest, dass âes paradoxerweise bestens in eine Gesellschaft aus Individualisten und EinzelkĂ€mpfern, wie wir sie in der westlichen Welt erlebenâ, passe. Viele der Methoden, die die Vertreter des Attachment Parenting evolutionsgeschichtlich begrĂŒnden, spielten in den nicht-westlichen Kulturen gar nicht die Rolle, die ihnen zugeschrieben werde. So werden z. B. in Kamerun Kinder zunĂ€chst zwar im Tragetuch getragen, mĂŒssen dann jedoch weitaus frĂŒher das Sitzen und das Laufen lernen als europĂ€ische und nordamerikanische Kinder; anstatt liebevollen Blickwechsel zu ĂŒben, blasen die MĂŒtter ihren Kindern ins Gesicht, um ihnen den Blickkontakt abzugewöhnen.cite-ref-urform-128-0[128] In Malawi werden Kleinkinder, wĂ€hrend die Mutter zur Feldarbeit geht, von Tanten, GroĂmĂŒttern und anderen Verwandten betreut.cite-ref-129[129]
Die optimale kindliche Entwicklung
Wie Suzanne M. Cox (Northwestern University) aufgewiesen hat, bietet weder die Bindungstheorie noch das Attachment Parenting einen allgemeinen Entwurf davon, wie eine optimale kindliche Entwicklung aussehe, an dem die Wirksamkeit der Methoden des Attachment Parenting empirisch gemessen werden könnte.cite-ref-cox-130-0[130] Sears verspricht Erziehungsergebnisse wie z. B. erhöhte SelbststĂ€ndigkeit, Selbstsicherheit, Gesundheit, körperliches Wachstum, eine verbesserte Entwicklung der Motorik und der Sprache, Wohlverhalten, Gewissenhaftigkeit, Gehorsam, soziale Kompetenz, Gerechtigkeitssinn, Altruismus, Empfindungs- und EinfĂŒhlungsvermögen, KonzentrationsfĂ€higkeit, Selbstdisziplin und Intelligenz.cite-ref-131[131] In wissenschaftlichen Studien wurden solche Effekte des Attachment Parenting bis heute nicht nachgewiesen;cite-ref-cox-130-1[130] Sears selbst gibt in seinen Schriften keine Quellen an.
Sears bekennt sich als Erzieher zum evangelikalen Christentum. Das schlussendliche Erziehungsziel, das er in seinen Schriften nennt, ist jedoch ein rein sĂ€kulares: GlĂŒck.cite-ref-happy-117-1[117]
Verbreitung und Rezeption
Attachment Parenting ist vor allem unter gut ausgebildeten, in StĂ€dten lebenden Frauen in der Westlichen Welt populĂ€r, die fĂŒr ökologische und soziale Fragen aufgeschlossen sind und die der Lehre folgen, indem sie dem Kind â durch Tragen, langes Stillen und Co-Sleeping â bis weit ins Kleinkindalter (und oft auch darĂŒber hinaus) stĂ€ndig nah zu sein versuchen.cite-ref-urform-128-1[128]
In den Vereinigten Staaten haben die Erziehungstipps von prominenten Persönlichkeiten wie den Schauspielerinnen Mayim Bialik und Alicia Silverstone zur Popularisierung der Lehre beigetragen.cite-ref-132[132] Viele nordamerikanische Frauen sind in MĂŒttergruppen (support groups) der Attachment Parenting International (API) organisiert, der 1994 gegrĂŒndeten und von Martha Sears mitgetragenen Dachorganisation der Bewegung.cite-ref-133[133] In Kanada gibt es zahlreiche Organisationen, die das Attachment Parenting fördern, wie z. B. die in Calgary ansĂ€ssige Attachment Parenting Canada Association;cite-ref-134[134] auch einige staatliche Gesundheitsorganisationen werben fĂŒr Attachment Parenting.cite-ref-135[135] William Sears pflegt Beziehungen zur internationalen La Leche Liga, die einige seiner BĂŒcher verlegt hat und auf deren Konferenzen er spricht.cite-ref-136[136] Viele MĂŒtter kommen in der La Leche Liga erstmals mit Attachment Parenting in BerĂŒhrung.cite-ref-137[137]
In Europa setzt sich die im niederlĂ€ndischen Lelystad ansĂ€ssige Non-Profit-Organisation Attachment Parenting Europe (ABEU) fĂŒr die Verbreitung der Lehre ein, fĂŒr die sie im NiederlĂ€ndischen die Bezeichnung natuurlijk ouderschap (ânatĂŒrliche Elternschaftâ) eingefĂŒhrt hat. Sie unterhĂ€lt Verbindungen zu Kontaktpersonen in Belgien, DĂ€nemark, Deutschland, Irland, Italien, Norwegen, GroĂbritannien und in der Schweiz.cite-ref-138[138] In England und Wales gab es im Jahre 2012 30 AP-MĂŒttergruppen.cite-ref-139[139]
In Deutschland sind in einigen StĂ€dten selbststĂ€ndige Einrichtungen entstanden, die sich die Förderung des Attachment Parenting zur Aufgabe gemacht haben.cite-ref-140[140] In Hamburg, dem wichtigsten Zentrum der Bewegung in Deutschland, wurde 2014 erstmals ein Attachment Parenting Kongress veranstaltet, fĂŒr den die Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig die Schirmherrschaft ĂŒbernommen hat.cite-ref-141[141] Ein weiterer fand 2016 wiederum in Hamburg statt.cite-ref-142[142] Schon seit 2005 besteht in Leipzig der Tologo Verlag, in dem neben Publikationen von Williams Sears und von Jan Hunt auch BĂŒcher zu Themen wie Schulkritik, Homeschooling, Unschooling und AntipĂ€dagogik erscheinen. Seit 2007 verlegt Tologo daneben vierteljĂ€hrlich das Unerzogen Magazin, eine Elternzeitschrift, die AP-Themen regelmĂ€Ăig ein Forum bietet. Zu den profiliertesten Vertretern und BefĂŒrwortern der Lehre im deutschsprachigen Raum zĂ€hlen die Ărzte Herbert Renz-Polster und Michael Abou-Dakn,cite-ref-143[143] die Diplom-PĂ€dagogin Katharina Saalfrank,cite-ref-144[144] die SozialpĂ€dagogin Eva Solmazcite-ref-145[145] und die Autorinnen Julia Dibbern,cite-ref-146[146] Nora Imlaucite-ref-147[147] und Sibylle LĂŒpold.cite-ref-148[148]
Auch in Ăsterreich und in der Schweiz gibt es vereinzelt Einrichtungen, die dem Attachment Parenting nahestehen.cite-ref-149[149] In Schweden setzt sich die Fantasy- und Science-Fiction-Autorin Jorun ModĂ©n fĂŒr Attachment Parenting ein und hat dafĂŒr den Ausdruck nĂ€ra förĂ€ldraskap (deutsch: ânahe Elternschaftâ) geprĂ€gt.cite-ref-150[150] In Frankreich, wo die Lehre als maternage intensif oder maternage proximal bezeichnet wird, hat sie bis heute so gut wie keine AnhĂ€ngerschaft gefunden.cite-ref-151[151]
Kontroverse
Searsâ ErziehungsansĂ€tze und die zum Teil radikal erweiterten Positionen seiner AnhĂ€nger geben Anlass fĂŒr eine kontroverse Diskussion zum Attachment Parenting.
Die Kontroverse begann 2012 mit einem Titelbild des amerikanischen Nachrichtenmagazins Time, auf dem eine kalifornische Mutter beim Stillen ihres knapp 4-JĂ€hrigen abgebildet war. In ihrem begleitenden Artikel The Man Who Remade Motherhood schrieb die Journalistin Kate Pickert, dass Sears zwar weitaus weniger radikal sei als seine AnhĂ€nger, dass die Lehre MĂŒttern aber ein chronisch schlechtes Gewissen mache, dass sie tendenziell frauenfeindlich sei und dass ihre Thesen mit einschlĂ€gigen Forschungsbefunden zum Teil nicht zu vereinbaren seien.cite-ref-152[152]
Das Attachment Parenting hat gleichzeitig auch die Aufmerksamkeit von Soziologen wie Ellie Lee, Charlotte Faircloth, Jan Macvarish und Frank Furedi erregt, die das PhĂ€nomen als beispielhaft fĂŒr den Eltern-Determinismus des 21. Jahrhunderts beschrieben haben. Bereits 1996 hatte die Soziologin Sharon Hays das soziokulturelle PhĂ€nomen eines Intensive Mothering (âIntensive Mutterschaftâ) beschrieben, das mit dem Attachment Parenting einige Jahre spĂ€ter ein wiedererkennbares Gesicht erhielt.cite-ref-153[153] 2004 folgten die Medienwissenschaftlerin Susan J. Douglas und die Philosophin Meredith W. Michaels mit ihrem PortrĂ€t eines New Momism (âNeuer Mutter-ismusâ).cite-ref-154[154]
Time-Titelbild und -Artikel
Das Time-Titelbild mit einer jungen Mutter, die ihrem dreijĂ€hrigen Sohn die Brust gibt, und der begleitende Artikel waren am 21. Mai 2012 erschienen.cite-ref-155[155] Pickert schrieb, dass die Auffassungen, die Sears in seinen BĂŒchern vertrete, weitaus weniger radikal seien, als seine Kritiker â und Eltern, die ihm folgen â unterstellen.cite-ref-pickert-156-0[156] Dennoch erzeuge seine Lehre, so Pickert, bei vielen Eltern etwas, das sie scherzhaft als posttraumatic Sears disorder bezeichnet, nĂ€mlich schwerwiegende InsuffizienzgefĂŒhle bei Eltern, die Searsâ RatschlĂ€gen um der seelischen Gesundheit ihres Kindes willen zwar folgen wollen, aber nicht können, z. B. weil sie gezwungen sind, berufstĂ€tig zu sein.cite-ref-157[157]
âElterliche Stammesbildungâ
Katha Pollitt hat das Attachment Parenting als Fad, also als Erziehungs-Hype, bezeichnet.cite-ref-pollitt-158-0[158] Eltern, die der Lehre folgen, ist vorgeworfen worden, dass die Ursache ihrer hohen Bereitschaft, ihr Kind auch ĂŒber das erste halbe Lebensjahr hinaus durch Stillen oder Herumtragen unablĂ€ssig ruhigzustellen, eher in der erzieherischen Hilflosigkeit und Ăberforderung und in der ungestillten eigenen emotionalen BedĂŒrftigkeit ruhe als in der Einsicht, dass das Kind die stĂ€ndige IntimitĂ€t fĂŒr seine gesunde Entwicklung wirklich benötige.cite-ref-159[159]
Katie Allison Granju, eine BefĂŒrworterin der Lehre, die fĂŒr Attachment-Parenting-Eltern einen Leitfaden veröffentlicht hat, nennt das Attachment Parenting darin eine âvollkommen erfĂŒllende Lebensweiseâ.cite-ref-160[160]
Die Soziologin Jan Macvarish (University of Kent), eine Pionierin auf dem jungen Forschungsgebiet der Kultur der Elternschaft, hat â ebenfalls im Hinblick aufs Attachment Parenting â beschrieben, wie junge Eltern ĂŒber die Entscheidung fĂŒr bestimmte Erziehungspraktiken oder fĂŒr eine bestimmte Erziehungslehre zu persönlicher IdentitĂ€t finden und sich Gruppen von Gleichdenkenden anschlieĂen; Macvarish spricht sogar von âelterlicher Stammesbildungâ (parental tribalism). Charakteristisch fĂŒr solche Entscheidungen sei, dass sie weitaus stĂ€rker auf das Selbstbild der Eltern als auf die BedĂŒrfnisse des Kindes hin orientiert seien.cite-ref-161[161] Emma Jenner hat kritisiert, dass Eltern, die daran gewöhnt sind, jedes Signal ihres Kindes reflexmĂ€Ăig und unterscheidungslos mit körperlicher NĂ€he zu beantworten, nicht lernen, ihr Kind zu beobachten und seine BedĂŒrfnisse differenziert und in ihrer ganzen KomplexitĂ€t wahrzunehmen.cite-ref-162[162]
Auch die Soziologin Charlotte Faircloth hĂ€lt das Attachment Parenting fĂŒr eine Strategie, die Frauen einschlagen, um persönliche IdentitĂ€t zu finden und zu artikulieren.cite-ref-163[163]
Erziehungs- und LebensstilprÀferenzen von AP-Eltern
Die These der britischen Soziologinnen, dass eine Entscheidung fĂŒrs Attachment Parenting oft als Individualisierungsstrategie bzw. als Bekenntnis persönlicher IdentitĂ€t und sozialer Zugehörigkeit erfolgt, wird dadurch unterstĂŒtzt, dass viele Eltern, die Attachment Parenting praktizieren, weitere charakteristische Erziehungs- und Lebensstil-PrĂ€ferenzen aufweisen, die aus denselben Einstellungen schöpfen (besonders: einem BemĂŒhen um âNatĂŒrlichkeitâ), mit dem erklĂ€rten Ziel des Attachment Parenting â der PrĂ€vention unsicherer Bindung â, aber höchstens lose und eklektisch verbunden sind:cite-ref-164[164]
âą âsanfteâ Geburt,cite-ref-165[165] ânatĂŒrlicheâ Geburt bzw. Hausgeburt ohne PeriduralanĂ€sthesie oder Schmerzmittel;cite-ref-166[166] gegen Krankenhausgeburten ist von Attachment-Parenting-BefĂŒrwortern geltend gemacht worden, dass diese den Bindungsprozess oft störe, besonders durch Verabreichen von Analgetika an die kreiĂende Mutter und durch Wegnahme des Kindes nach der Geburt.cite-ref-167[167] Sofern Kind und Mutter gesund sind, werden sie heute allerdings sowohl in amerikanischen als auch in deutschen Entbindungsstationen auch in den ersten Stunden nach der Geburt in der Regel nicht mehr getrennt.
âą selbstbereitete Kleinkindkost aus biologisch-dynamischen Rohstoffen;cite-ref-168[168] Veganismus;cite-ref-169[169] Paleo-Lifestylecite-ref-170[170] bzw. das Baby-led weaning, ein ErnĂ€hrungsprinzip, das komplett darauf verzichtet, Brei-Nahrung herzustellen, sondern Kindern die Nahrung der Erwachsenen in fĂŒr die kindliche Hand greifbarer Form bereitstellt, welche diese nach eigenem GutdĂŒnken zu sich nehmen sollen
âą Verwendung waschbarer Windeln oder gar völliger Verzicht darauf. Das Kind soll stĂ€ndig beobachtet werden und bei Ausscheidungskommunikation cite-ref-171[171] âabgehaltenâ werdencite-ref-172[172]
âą âNaturheilmethodenâ, ganzheitliche Medizin, Homöopathie und Ablehnung von Schutzimpfungen.cite-ref-175[175] Mit seinem 2007 erstmals veröffentlichten Vaccine Book hat William Searsâ Sohn Robert Sears einen Beitrag geliefert, der die Impfskepsis unter Eltern stark angefacht hat,cite-ref-176[176] und in den AP-Gruppen werden MĂŒtter explizit aufgefordert, ihre Kinder nicht impfen zu lassen.cite-ref-177[177]
Besonders in den Vereinigten Staaten praktizieren Attachment-Parenting-Eltern darĂŒber hinaus oft auch:
âą Ablehnung der Zirkumzisioncite-ref-178[178]
⹠Freikörperkulturcite-ref-179[179]
Sears ermutigt einige dieser VerhaltensprĂ€ferenzen explizit selbst â etwa Nichtrauchen, gesunde ErnĂ€hrung, eigene Zubereitung der Babykost und den Verzicht auf Zirkumzision â, ohne jedoch einen direkten Zusammenhang zu den Kernideen des Attachment Parenting herzustellen.cite-ref-182[182] Auf der Hand liegt ein solcher Zusammenhang nur bei Searsâ Empfehlung, in der Erziehung viel positive VerstĂ€rkung einzusetzen; auch Attachment-Parenting-Eltern haben regelmĂ€Ăig eine PrĂ€ferenz fĂŒr âpositive Erziehungâ.cite-ref-183[183]
EinwÀnde von feministischer Seite
In seinem Buch The Complete Book of Christian Parenting and Child Care (1997) hatte Sears, der ein evangelikaler Christ ist, keinen Zweifel daran gelassen, dass er die schnelle RĂŒckkehr von MĂŒttern in die BerufstĂ€tigkeit ablehnt, weil er davon ĂŒberzeugt ist, dass sie dem Kind schade:cite-ref-pickert-156-1[156]
â[Some] mothers choose to go back to their jobs quickly simply because they don't understand how disruptive that is to the well-being of their babies. So many babies in our culture are not being cared for in the way God designed, and we as a nation are paying the price.â
â[Einige] MĂŒtter entscheiden sich, schnell zu ihrem Job zurĂŒckzukehren, weil sie nicht begreifen, wie zerstörerisch dies fĂŒr das Wohl ihrer Babys ist. So viele Kinder in unserer Kultur werden nicht auf die Weise versorgt, die Gott vorgesehen hat, und wir als Nation bezahlen dafĂŒr den Preis.â
â
William Sears
:
The Complete Book of Christian Parenting and Child Care (1997)
âBaby books (including my own) and child care experts extol the virtues of motherhood as the supreme career.â
âBabybĂŒcher (meine eigenen eingeschlossen) und Kinderpflegeexperten loben den Wert der Mutterschaft als der höchsten Karriere.â
â
William Sears
Katha Pollitt fĂŒhrte aus, dass in obsessiver Art ĂŒbersteigerte MĂŒtterlichkeit verheerende Konsequenzen fĂŒr die gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen habe.cite-ref-pollitt-158-1[158] In Frankreich hat Elisabeth Badinter argumentiert, Over-Parenting, ideologisch motivierte Fixierung auf waschbare Windeln, organische, selbst zubereitete Kleinkindkost, und Erziehungspraktiken, wie die von Sears empfohlenen mit Stillen bis ins Kleinkindalter, fĂŒhrten Frauen in ĂŒberkommene Geschlechtsrollenmuster zurĂŒck. Badinters Buch Der Konflikt. Die Frau und die Mutter (2010) wurde in den Vereinigten Staaten teilweise kritisch aufgenommen, u. a. deshalb, weil es dort keinen staatlich geförderten Erziehungsurlaub gibt und viele Frauen es als Luxus empfinden, wĂ€hrend der ersten Lebensjahre ihrer Kinder nicht arbeiten gehen zu mĂŒssen.cite-ref-185[185] Trotzdem hat die GynĂ€kologin Amy Tuteur (vormals Harvard Medical School) konstatiert, dass das Attachment Parenting auf eine â angesichts der mĂŒhsam errungenen Erfolge der Frauenbewegung mehr als zweifelhafte â neuerliche Unterwerfung des weiblichen Körpers unter gesellschaftliche Kontrolle hinauslaufe.cite-ref-186[186]
Wie Erica Jong beobachtet hat, ging der Aufstieg des Attachment Parenting mit einer Welle massenmedial inszenierter, glamourisierter Mutterschaft populĂ€rer Stars (Angelina Jolie, Madonna, Gisele BĂŒndchen) einher. Sie schreibt, dass der Anspruch, unter Opferung des eigenen Wohlbefindens auĂergewöhnliche Kinder zu modellieren, Mutterschaft in der zeitgenössischen Gesellschaft zu einem âhoch wettbewerblichen Rennenâ gemacht habe; der politischen Rechten komme es, wenn MĂŒtter Erziehungsverantwortlichkeit radikal allein ĂŒbernehmen wollen, ĂŒberaus gelegen.cite-ref-187[187]
EinwĂ€nde von Seiten der Sozialwissenschaften: âKultur der totalen Mutterschaftâ
In ihrem 2005 erschienenen Buch Perfect Madness. Motherhood in the Age of Anxiety hat Judith Warner kritisiert, dass der starke Einfluss, den das Attachment Parenting auf die amerikanische Mainstream-Erziehung nehme und der eine âKultur der totalen Mutterschaftâ etabliert habe, dazu fĂŒhre, dass MĂŒtter heute ĂŒberzeugt seien, sie mĂŒssten augenblicklich auf jedes BedĂŒrfnis ihres Kindes eingehen, um es nicht dem Risiko lebenslanger âVerlassenheitsproblemeâ (abandonment issues) auszusetzen.cite-ref-188[188] Bereits 1996 hatte die Soziologin Sharon Hays eine neu entstandene âIdeologie der intensiven Mutterschaftâ (intense mothering) beschrieben. Kennzeichnend fĂŒr diese Ideologie sei es, dass die Erziehungsverantwortung primĂ€r den MĂŒttern aufgebĂŒrdet werde und dass die Erziehung Kind-zentriert, Experten-geleitet, emotional absorbierend, arbeitsintensiv und finanziell aufwĂ€ndig sei. Motive fĂŒr die Ăberfrachtung der Mutterschaft sah Hays in dem idealistischen Versuch, ein gesellschaftliches System, das auf individuellem Egoismus und auf Konkurrenz basiere, durch ein kompensierendes Prinzip selbstloser MĂŒtterlichkeit ins Gleichgewicht zu bringen. Jedoch erfolge jede Form von intensiver Mutterschaft, bei der die BedĂŒrfnisse von Kindern systematisch ĂŒber die ihrer MĂŒtter gestellt werden, zwangslĂ€ufig zum wirtschaftlichen und persönlichen Nachteil von MĂŒttern.cite-ref-189[189] Rizzo et al. stellten 2014 in einer Studie fest, dass 23 % der MĂŒtter, die von der Ăberlegenheit intensiver Mutterschaft ĂŒberzeugt waren, Zeichen von Depressionen aufwiesen. Eine Deutung dieses Befundes (d. h. ob intensive Mutterschaft Depressionen begĂŒnstigt oder ob umgekehrt depressive Frauen sich zum Konzept der intensiven Mutterschaft besonders hingezogen fĂŒhlen) haben Rizzo et al. nicht vorgenommen.cite-ref-190[190]
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Weblinks
Anmerkungen und Einzelnachweise
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cite-note-101101. â âVerstrickungâ wird hier mit âKontrolleâ in Verbindung gebracht, ohne zu erlĂ€utern, warum die elterliche AutoritĂ€t, die durch Attachment Parenting etabliert werden soll, keine Form von Kontrolle darstellt. Bill Sears, Martha Sears: The Attachment Parenting Book. A Commonsense Guide to Understanding and Nurturing Your Baby, Little, Brown and Company, New York, Boston, 2001, ISBN 0-316-77809-5, S. 108f
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